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Die Forschungsfrage ist das Erkenntnisziel deiner Seminararbeit in einem Satz. Sie sagt, was du herausfinden willst, grenzt dein Thema ein und gibt deiner Arbeit einen roten Faden. Eine gute Forschungsfrage ist konkret genug für den vorgegebenen Umfang, offen genug für echte Analyse und mit deinen verfügbaren Quellen beantwortbar.
„Inwiefern beeinflusst [X] (Ursache/Aspekt) [Y] (Ergebnis/Phänomen) bei [Z] (Kontext/Gruppe) im Zeitraum [T] – untersucht mit [Methode] an [Material]?"
Beispiel: „Inwiefern beeinflusst die Nutzung von Instagram (X) das politische Engagement (Y) bei Studierenden in Deutschland (Z) seit 2020 (T) – untersucht mit Literaturauswertung an drei aktuellen Studien?"
Hinweis: Diese Formel passt für Einfluss- und Kausalfragen. Für Textanalysen, Vergleiche oder deskriptive Fragen nutze die passenden Templates weiter unten.
Was ist eine Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage formuliert das Erkenntnisziel deiner Arbeit. Während das Thema einen Bereich absteckt („Klimawandel in den Medien"), gibt die Forschungsfrage die Richtung vor („Wie hat sich die Berichterstattung über den Klimawandel in der FAZ zwischen 2015 und 2020 verändert?"). Ohne sie weißt du nicht, worauf deine Analyse hinarbeitet.
In der Einleitung stellst du die Frage vor, im Hauptteil bearbeitest du sie, im Fazit beantwortest du sie. Sie ist der rote Faden, der alles zusammenhält.
Gute Forschungsfrage für die Seminararbeit: 5 Kriterien
Die 5 Kriterien auf einen Blick: Scope (eingegrenzt) – Quellen (verfügbar) – Analyse (nicht nur Zusammenfassung) – Offenheit (kein Ja/Nein) – Operationalisierbar (Material + Methode ableitbar).
Eine gute Forschungsfrage erfüllt alle fünf Kriterien gleichzeitig. Im Folgenden erfährst du, was jedes Kriterium bedeutet und wie du es prüfst.
Die Frage bezieht sich auf einen abgrenzbaren Gegenstand, Zeitraum oder Kontext. Du kannst sie im Umfang einer Seminararbeit seriös beantworten.
Zu breit: „Wie funktioniert politische Kommunikation?"
Besser: „Welche Strategien nutzte Partei X im Wahlkampf 2021 auf Instagram?"
Du hast Zugang zu Literatur, Daten oder Primärquellen. Eine brillante Frage nützt nichts, wenn du sie mangels Material nicht bearbeiten kannst.
Prüffrage: Finde ich in 30 Minuten mindestens 3–5 relevante Quellen, die sich direkt auf meine Frage beziehen?
Die Antwort ergibt sich nicht durch Nachschlagen. Du musst argumentieren, vergleichen, interpretieren oder bewerten.
Zu einfach: „Was steht in Artikel 1 des Grundgesetzes?"
Besser: „Wie hat das Bundesverfassungsgericht den Begriff der Menschenwürde konkretisiert?"
Die Frage lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Sie beginnt mit „Inwiefern", „Welche", „Wie" oder „Warum".
Geschlossen: „Hat Social Media einen Einfluss auf die Politik?"
Offen: „Inwiefern verändert Social Media die Kommunikation zwischen Politikern und Wählern?"
Du kannst aus der Frage ableiten, welches Material du brauchst und wie du es auswerten wirst. Die Frage enthält (implizit oder explizit) Hinweise auf Methode und Gegenstand.
Beispiel: „Wie stellt Autor X das Motiv Y in Roman Z dar?" → Material: Roman Z. Methode: Textanalyse. Fokus: Motiv Y.
Formulierungs-Templates zum Kopieren
Diese Templates helfen dir, deine Forschungsfrage zu formulieren. Wähle das Muster, das zu deinem Vorhaben passt, und ersetze die Platzhalter durch deine Inhalte.
„Wie gestaltet [Autor] das Motiv [X] in [Werk], und welche Funktion hat diese Darstellung für [Y]?"
Passt, wenn: Du einen oder mehrere literarische Texte analysierst und nach Darstellung, Funktion oder Wirkung fragst.
„Wie unterscheiden sich [A] und [B] in Bezug auf [Aspekt X] im Kontext von [Y]?"
Passt, wenn: Du zwei Fälle, Konzepte, Länder oder Zeiträume gegenüberstellst. Der Vergleichsaspekt muss klar definiert sein.
„Welche Faktoren erklären [Phänomen X] bei [Gruppe/Kontext Y] im Zeitraum [Z]?"
Passt, wenn: Du nach Ursachen, Gründen oder Einflussfaktoren fragst. Erfordert oft Sekundäranalyse oder Literaturauswertung.
„Wie hat sich [X] in [Kontext/Medium Y] zwischen [Zeitraum] verändert/entwickelt?"
Passt, wenn: Du einen Zustand, eine Entwicklung oder ein Muster erfassen willst. Material: Texte, Medien, Dokumente aus dem Zeitraum.
„Wie wird [Thema X] in [Diskursfeld/Medium Y] im Zeitraum [Z] konstruiert/verhandelt?"
Passt, wenn: Du analysierst, wie ein Thema sprachlich gerahmt wird. Material: Zeitungsartikel, politische Reden, Social-Media-Posts.
Forschungsfrage entwickeln in 6 Schritten
Die Forschungsfrage entwickelt sich aus dem Seminarthema, deiner Lektüre und deinem Interesse. Diese Schritte führen dich von einem breiten Thema zu einer präzisen, bearbeitbaren Frage.
- Schritt 1: Thema eingrenzen. Dein Seminarthema ist meist breiter als das, was du bearbeiten kannst. Wähle einen Teilaspekt. Frag dich: Was genau will ich wissen? Welcher Aspekt ist spannend oder noch ungeklärt?
- Schritt 2: Erste Literatur sichten. Lies ein bis zwei Überblickstexte. Notiere offene Fragen, Kontroversen oder wenig erforschte Aspekte. Die Literaturrecherche hilft dir, Ansatzpunkte zu finden.
- Schritt 3: Material und Methode festlegen. Überlege früh, welches Material du nutzen wirst (Texte, Daten, Dokumente) und wie du es auswerten willst (Textanalyse, Vergleich, Inhaltsanalyse). Die Frage muss zum Material passen. Wenn du keinen Zugang zu Interviewdaten hast, formuliere keine Frage, die Interviews erfordert.
Thema: Klimawandel in den Medien
Forschungsfrage: Wie hat sich die Berichterstattung über den Klimawandel in der FAZ zwischen 2015 und 2020 verändert?
Material: FAZ-Artikel zum Klimawandel (2015–2020), Stichprobe von 50 Artikeln
Methode: Qualitative Inhaltsanalyse nach Themen, Frames und Akteuren
- Schritt 4: W-Fragen formulieren. Schreibe mehrere Varianten auf, die mit Wer, Was, Wie, Warum oder Inwiefern beginnen. Sei nicht perfektionistisch. Sammle Optionen und prüfe, welche am besten zu deinen Möglichkeiten passt.
- Schritt 5: Machbarkeit prüfen. Hast du Zugang zu den Quellen? Ist die Frage im vorgegebenen Umfang (je nach Modul oft 12–20 Seiten) bearbeitbar? Wenn sie zu groß ist, grenze weiter ein. Wenn sie zu klein ist, erweitere den Fokus leicht.
- Schritt 6: Mit Seminarleitung besprechen. Bevor du viel Zeit investierst, hol dir Feedback. Deine Dozierenden kennen das Feld und können einschätzen, ob die Frage tragfähig ist. Oft bekommst du Hinweise zur Schärfung oder zu relevanter Literatur.
These, Unterfragen und Hypothesen
Forschungsfrage vs. These: Die Forschungsfrage formuliert, was du herausfinden willst. Eine These ist eine Behauptung, die du prüfst. Manche Seminare erwarten eine These („X führt zu Y"), andere eine offene Frage. Kläre mit deiner Seminarleitung, welche Form gewünscht ist. Im Zweifel ist eine offene Frage flexibler.
Unterfragen sinnvoll einsetzen: Unterfragen zerlegen deine Hauptfrage in bearbeitbare Teilaspekte. Sie strukturieren deinen Hauptteil und zeigen, wie du zur Antwort kommst. Ein bis zwei Unterfragen reichen für eine Seminararbeit.
Hauptfrage: Wie unterscheiden sich die Integrationskonzepte Deutschlands und Frankreichs in Bezug auf sprachliche Anforderungen?
Unterfrage 1: Welche sprachlichen Anforderungen stellt Deutschland an Einbürgerungswillige?
Unterfrage 2: Welche sprachlichen Anforderungen stellt Frankreich?
Unterfrage 3: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen sich?
Hypothesen sind in Seminararbeiten seltener, aber in manchen Fächern (v.a. Sozialwissenschaften, Psychologie) üblich. Eine Hypothese ist eine vorläufige Antwort, die du empirisch prüfst. Sie setzt voraus, dass du Daten erhebst oder auswertest. Für reine Literaturarbeiten sind offene Forschungsfragen passender.
Explorativ oder prüfend? Manche Seminarleitungen erwarten explizit Hypothesen mit operationalisierten Variablen (empirisch-prüfend), andere bevorzugen eine offene, explorative Herangehensweise (literaturbasiert). Daraus ergibt sich, ob du deine Frage eher als „Welche Faktoren beeinflussen X?" (explorativ) oder als „Je höher X, desto stärker Y" (hypothesenprüfend) formulierst. Kläre das früh mit deiner Seminarleitung.
Seminararbeit vs. Hausarbeit: Was ist anders?
Die Begriffe Seminararbeit und Hausarbeit werden je nach Hochschule unterschiedlich verwendet. Für die Forschungsfrage gibt es dennoch typische Unterschiede, die du kennen solltest.
- Engerer Scope: Seminararbeiten haben oft einen engeren Fokus als Hausarbeiten. Wähle lieber einen klar abgrenzbaren Fall als einen breiten Überblick.
- Stärker literaturbasiert: Eigene Empirie (Interviews, Umfragen) ist in Seminararbeiten seltener. Die Frage sollte mit vorhandener Literatur oder Primärquellen beantwortbar sein.
- Seminarbezug: Die Frage knüpft idealerweise an Seminarinhalte an. Nutze Theorien oder Konzepte aus dem Seminar als Analyserahmen.
- Schnellere Machbarkeitsprüfung: Bei dem typischerweise begrenzten Umfang musst du schneller entscheiden, ob eine Frage tragfähig ist. Der 30-Minuten-Check (siehe FAQ) hilft.
Wichtig: Die Modulbeschreibung und die Vorgaben deiner Seminarleitung sind immer maßgeblich. Was an einer Uni als Seminararbeit gilt, heißt anderswo Hausarbeit. Frag im Zweifel nach den Erwartungen.
Beispiele für die Seminararbeit nach Fachbereich
Hier siehst du konkrete Beispiele für verschiedene Fachbereiche. Achte darauf, wie jede Frage einen klaren Fokus hat, sich nicht mit Ja/Nein beantworten lässt und eine analytische Bearbeitung erfordert.
„Inwiefern hat die Corona-Pandemie die Akzeptanz staatlicher Eingriffe in persönliche Freiheitsrechte in Deutschland verändert?"
Material: Umfragedaten (z.B. ALLBUS, Politbarometer), Sekundärliteratur. Methode: Sekundäranalyse, Literaturauswertung.
„Wie gestaltet Juli Zeh in ‚Corpus Delicti' das Verhältnis von Gesundheit und Freiheit, und welche Funktion hat diese Darstellung für die Dystopie-Kritik des Romans?"
Material: Roman „Corpus Delicti" (2009). Methode: Textimmanente Analyse, Motivanalyse.
„Welche Rolle spielt das Bildungsniveau der Eltern für die Studienfachwahl ihrer Kinder in Deutschland?"
Material: Studien zu Bildungsungleichheit, DZHW-Daten. Methode: Literaturauswertung oder Sekundäranalyse.
„Wie wurde die Berliner Mauer in der westdeutschen Presse in der Woche nach dem 13. August 1961 dargestellt?"
Material: Zeitungsartikel aus FAZ, Spiegel, Bild (13.–20. August 1961). Methode: Quellenanalyse, Diskursanalyse.
„Welche Faktoren beeinflussen die Akzeptanz von Home-Office bei Führungskräften in deutschen KMU?"
Material: Aktuelle Studien zu Remote Work, Befragungsdaten. Methode: Literaturauswertung, ggf. eigene Kurzumfrage.
Schnellcheck für die Seminararbeit
Prüfe deine Forschungsfrage anhand der fünf Kriterien von oben. Geh sie als Ja/Nein-Checkliste durch. Wenn du bei einem Punkt zögerst, überarbeite die Frage oder besprich sie mit deiner Seminarleitung.
Praxistipp: Schreibe einen Probesatz für dein Fazit, der die Forschungsfrage beantwortet. Funktioniert das gedanklich, ohne dass du ins Schwimmen kommst? Dann ist die Frage tragfähig. Eine halbe Stunde Arbeit am Anfang spart dir später viel Überarbeitung.
Häufige Fehler vermeiden
- Zu breit formulieren: Eine Frage wie „Wie funktioniert Demokratie?" lässt sich in einer Seminararbeit nicht beantworten. Grenze ein: „Wie hat das Bundesverfassungsgericht in den letzten zehn Jahren den Minderheitenschutz gestärkt?"
- Zu eng formulieren: Eine Frage, die sich in einem Satz beantworten lässt, trägt keine Seminararbeit. „Wann wurde das Grundgesetz verabschiedet?" ist eine Wissensfrage, keine Forschungsfrage.
- Geschlossene Frage stellen: Ja/Nein-Fragen ermöglichen keine differenzierte Antwort. Statt „Hat Social Media die Politik verändert?" besser: „Inwiefern hat Social Media den Wahlkampf der Partei X im Jahr Y verändert?"
- Frage und Thema verwechseln: Das Thema ist der Bereich, die Forschungsfrage ist das Erkenntnisziel. „Klimawandel in den Medien" ist ein Thema. „Wie hat sich die Klimawandel-Berichterstattung in der FAZ zwischen 2015 und 2020 verändert?" ist eine Forschungsfrage, die Medium, Zeitraum und Fokus enthält.
- Material nicht mitdenken: Formuliere keine Frage, für die du kein Material hast. Wenn du keinen Zugang zu Interviewdaten hast, stelle keine Frage, die Interviews erfordert.
„[Thema] ist ein Aspekt, der in [Kontext] zunehmend diskutiert wird. Bisherige Arbeiten konzentrieren sich auf [bisheriger Fokus], lassen aber [Lücke] offen. Die zentrale Frage dieser Arbeit lautet daher: [Forschungsfrage]? Ziel ist es, [erwarteter Erkenntnisbeitrag]. Dazu werden [Material] mithilfe von [Methode] analysiert."
Dieses Muster führt von der Problemstellung über die Forschungsfrage zum Ziel und zur Methode. So wissen Lesende sofort, worum es geht und wie du vorgehst.
Nächster Schritt: Wenn deine Forschungsfrage steht, kannst du die Einleitung schreiben. Dort platzierst du die Frage nach der Problemstellung und vor der Methodik. Das Mini-Template oben zeigt dir, wie du alle Elemente elegant verbindest.
Häufig gestellte Fragen
Wie formuliere ich Unterfragen zu meiner Forschungsfrage?
Unterfragen zerlegen deine Hauptfrage in bearbeitbare Teilaspekte. Frag dich: Welche Schritte brauche ich, um die Hauptfrage zu beantworten? Bei einer vergleichenden Frage etwa: 1. „Wie stellt sich X in Fall A dar?" 2. „Wie stellt sich X in Fall B dar?" 3. „Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeigen sich?" Die Unterfragen strukturieren dann deinen Hauptteil.
Wie prüfe ich in 30 Minuten, ob meine Forschungsfrage machbar ist?
Suche in deiner Uni-Bibliothek nach 3–5 Quellen, die sich direkt auf deine Frage beziehen. Findest du genug Material? Dann prüfe: Ist der Umfang realistisch für die Vorgaben deines Seminars (häufig 12–20 Seiten)? Schreibe einen Probesatz für dein Fazit, der die Frage beantwortet. Funktioniert das gedanklich? Wenn ja, ist die Frage tragfähig.
Wie eng muss ich meine Forschungsfrage eingrenzen?
Grenze nach Zeit (z.B. 2015–2020), Raum (z.B. Deutschland), Material (z.B. 3 ausgewählte Texte) und Zielgruppe (z.B. Studierende) ein. In einer Seminararbeit reicht oft ein eng gefasster Fall oder ein kleines Korpus. Die Faustregel: Lieber zu eng als zu breit. Du kannst im Fazit auf Anschlussfragen verweisen.
Kann ich meine Forschungsfrage während des Schreibens ändern?
Ja, das ist normal und oft sinnvoll. Beim Schreiben merkst du, ob die Frage passt. Sprich größere Änderungen mit deiner Seminarleitung ab. Wichtig: Passe am Ende Einleitung und Fazit an die finale Frage an, damit alles zusammenpasst.
Muss die Forschungsfrage als Frage formuliert sein?
Nicht zwingend. Du kannst das Erkenntnisziel auch als Zielsetzung formulieren: „Diese Arbeit untersucht, inwiefern..." ist genauso gültig wie eine direkte Frage. Wichtig ist, dass das Erkenntnisinteresse klar wird. Die Gepflogenheiten variieren je nach Fach und Dozierenden.
Wie viele Forschungsfragen sollte eine Seminararbeit haben?
Eine zentrale Hauptfrage, optional ergänzt durch ein bis zwei Unterfragen. Zu viele Fragen verwässern den roten Faden und überfordern den Umfang. Die Unterfragen helfen, die Hauptfrage systematisch zu bearbeiten, ersetzen sie aber nicht.
Vortrag zur Seminararbeit halten
Analyse und Interpretation
Einleitung der Seminararbeit